Märkische Oderzeitung

Spielen auf Zuruf
Beim "Theatersport" bestimmen die Zuschauer was gespielt wird

Eben noch verkörperten die Bühnenschauspieler gestrandete Reisende in einem Pariser Bahnhof um 1900, die sich während eines Lokführerstreiks mit Flirten und Chansonsingen die Zeit vertreiben. Gleich danach bieten dieselben Akteure eine schwarzhumorige Szene in einer Berliner Metzgerei, in der unliebsame Steuerprüfer Gefahr laufen, vom Metzger und seiner Frau vergiftet und zu Wurst verarbeitet zu werden. Wiederum ohne größere Besinnungspause schlüpfen die Schauspieler anschließend in die Rollen einer Hauskatze und seinem Herrchen und singen dazu schnell zusammengereimte Liederverse, denn eine Zuschauerin wünschte sich die Haustierszene in Form eines Musicals.
Wenn die Schauspieltruppe "Theatersport Berlin" auftritt, darf das Publikum über die Charaktere, Figurenkonstellationen, Schauplätze, Genres und Stile, aber auch Gefühle und Stimmungen mit entscheiden. Mit den Zutaten, die ihnen aus dem Parkett zugerufen werden, üben sich die Bühnenprofis über zwei Stunden in der hohen Kunst des Improvisierens, entwickeln blitzschnell Szene um Szene und kurze Geschichten aus dem Moment heraus. Dass auf diese Weise weder die Zuschauer noch die Schauspieler im Vorhinein wissen, was dabei herauskommt, macht den Reiz der "Theatersport"-Abende aus, die seit Ende letzten Jahres wieder regelmäßig an zwei Berliner Bühnen aufgeführt werden.
Während am Sonntagabend ab 20 Uhr die so genannten "Bühnenpiraten" das Szenenbild der aktuellen Inszenierung in der Komödie am Kurfürstendamm "entern" und für ihre Improvisationen zweckentfremden, treten jeweils Montagabend im Admiralspalast gleich zwei Mannschaften von "Theatersportlern" zum fröhlichen Improvisationswettkampf an. Die Zuschauer sind dabei Stichwortgeber und Schiedsrichter zugleich, denn sie verteilen Punkte bzw. Applaus für die gelungenste Stegreifnummer. Diese besonders sportliche Variante des Mannschaftsimprovisierens wurde erstmals während der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2006 aufgeführt und hat sich seitdem einen treuen Anhängerkreis erobert.
Begonnen hatten die "Theatersportler" eine mittlerweile achtzehn Bühnenprofis umfassende Truppe schon vor zwölf Jahren im BKA-Zelt am Potsdamer Platz in Berlin, womit sie eine bundesweite Renaissance des Improvisationstheaters auslösten, die schließlich mit dem Format "Schillerstraße" sogar das Fernsehen eroberte.
Oft laden sich die "Theatersportler" Kollegen anderer Ensembles als Gäste ein, die beweisen müssen bzw. dürfen, dass sie flexibel genug sind, um abseits fester Rollentexte mit ihrem Handwerksrepertoire buchstäblich aus dem Nichts eine überzeugende Figur zu zaubern. Zwar wetteifern die beteiligten Schauspieler dabei abwechselnd um die Gunst des Publikums jedoch ohne, sich auf Kosten der Kollegen zu profilieren, denn das verbietet der Ehrenkodex ebenso wie das Reißen nahe liegender, billiger Witze. Wenn es auf die Frage, "Wo soll die nächste Szene spielen?", aus dem Zuschauerrang erschallt: "In Knuts Gehege im Zoo!" oder "Im Supermarkt an der Käsetheke" ist klar, dass von den Akteuren neben Gestik und Mimik in hohem Maße Schlagfertigkeit und Spontaneität gefordert sind.
Insbesondere, wenn die Vorgaben von den Schauspielern trotz aller Ausgelassenheit ernst genommen werden, ergeben sich daraus absurde Brüche in der Handlung und somit die komischsten Momente. So etwa, wenn eine Akteurin, die hinter den Kulissen nicht alle Einzelheiten der aktuellen Szenerie mitbekommen hat, beim Auftritt durch eine Tür von ihrem Kollegen zunächst mit der verwunderten Frage empfangen wird: "Du kommst über den Balkon?" Spätestens wenn dann ein Schauspieler in derselben Szene abwechselnd einen überforderten Kellner und einen Goldfisch verkörpern soll, kennt das Gelächter im Parkett keine Grenzen.

Max-Peter Heyne

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