mehr zu Improvisationstheater

 

Eines ist allen Shows von Theatersport Berlin gemeinsam, egal ob Theatersport, Theatersport-Shakespeare, Superszene, Impro-Brecht oder Bühnenpiraten: sie sind improvisiert, aus dem Moment heraus entwickelt, ohne Skript oder Teleprompter. Ein Zuruf aus dem Publikum genügt, und los gehts.

Improvisieren heißt dabei nicht: einfach mal drauflos spielen. Genauso wenig wie die gestandenen Schauspiel-Profis Szenen einstudieren und dann so tun, als wäre alles spontan. Improvisieren heißt vielmehr: die Schauspieler treten mit einem profunden Improvisations-Handwerk vor das Publikum, um sich dann zusammen mit dem Publikum für Themen, Gefühle, Charaktere, Orte und Genres zu entscheiden. Steht der Inhalt fest, so beginnt die Improvisation ein Western, eine Komödie oder ein Musical was auch immer sich die Zuschauer gewünscht haben.

Fortlaufende Geschichten

Oder die Schauspieler entwickeln in Echtzeit vor den Augen des Publikums Geschichten ganz in der Tradition des archaischen Geschichtenerzählers, jedoch mit Fallstricken und maximalem Risiko: diese Geschichten können die selbst gesetzte Vorgabe haben, aus einem Munde aller Schauspieler zu kommen.

Oder eine fortlaufende Geschichte, in der jeder Schauspieler nur ein einziges Wort spricht, das dann durch einen anderen Schauspieler durch ein weiteres Wort ergänzt wird und durch ein drittes durch einen dritten Schauspieler bis daraus vollständige Sätze und unerwartete Geschichten entstehen. Verschärfte Regel wäre das ABC-Gebot: das erste Wort muss mit einem A beginnen, das zweite mit einem B, das dritte mit einem C usw. Los gehts zum Beispiel mit Am, weiter durch das Alphabet etwa mit Bürgeramt und endet irgendwann mit Zyankali beim Buchstaben Z. Wie nun findet die Geschichte ihren Weg vom Bürgeramt zu Zyankali Wenn sich die Schauspieler auf eine solche Reise durch’s Alphabet begeben, dann zittert auch das Publikum mit ihnen. Schaffen sie es? Oder nicht? Meistens glückt es. Erleichterung und Staunen über den rasanten und stimmigen Verlauf der Geschichte, nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Schauspielern selbst. Jedes Mal auf’s Neue. Tosender Beifall des Publikums ist die Belohnung, wenn sie waghalsig ihr Können unter Beweis gestellt haben.

Ist das wirklich improvisiert?

Nicht selten kommen Zuschauer nach einer Aufführung zu den Schauspielern und erkundigen sich, ob das denn wirklich alles improvisiert war. Sie können nicht fassen, dass ein solcher Abend nicht einstudiert war. Zu stilsicher, zu raffiniert, zu tiefgründig, zu amüsant, um nicht geprobt zu sein. Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht im Proben, sondern hat einen anderen Namen: Training. Wie Spitzensportler trainieren die Theatersportler ihre Fähigkeiten in der Improvisation. Sie trainieren Genres und Sprachgesten, Tanzstile und Kampftechniken, Gesang, Auffassungsgabe und Reaktionsgeschwindigkeit und vor allem die hohe Kunst, Geschichten aus dem Moment heraus zu entwickeln, im Ensemble intuitiv dramatische Höhepunkte anzusteuern, Dialoge zu entwickeln, Wendepunkte zu setzen, Erzählstränge wieder zusammenzuführen und zu einem besonders glücklichen oder besonders tragischen Ende zu kommen. Und vor allem einiges nicht zu tun: zu blockieren, Angebote der Kollegen nicht anzunehmen, billige Witze auf Kosten der Theaterkunst zu reißen.

Vielmehr geht es um die gemeinsame Freude am Inszenieren einer Geschichte, es geht um Kooperation und gegenseitige Unterstützung, um mit vereinten Kräften auf dem Hochseil der Improvisation zu tanzen und das Publikum mit wundervollen Geschichten aus dem Abend zu entlassen. Mit Geschichten, die es vorher nicht gab und später nicht noch einmal geben wird. Jeden Abend eine Premiere, die keine Wiederholung kennt.

Das Genre „Improvisationstheater“

Improvisationstheater hat sich in den letzten Jahrzehnten weltweit zu einem eigenständigen Theatergenre entwickelt und erobert zunehmend auch die großen Bühnen. Das Genre enspringt dem Schaffen von Theaterleuten wie Keith Johnstone, Viola Spolin oder Augusto Boal. Was auf der Bühne geschieht, ist nicht beliebig, sondern wird im Vorfeld strukturiert. Diese Strukturen werden in sog. Formaten beschrieben. Innerhalb des Improvisationstheaters wurden einige tausend Formate entwickelt viele ähneln sich, sind Adaptionen oder Variationen. Die feinen Unterschiede erkennt letztendlich nur das geschulte Auge.

Formate sind im Vorfeld der Aufführung festgelegte Spielstrukturen. Sie sind strukturell, nicht inhaltlich (Anmerkung: im semiprofessionellen Improvisationstheater findet man häufig in den Formaten auch inhaltliche Versatzstücke, auf die die Schauspieler zurückgreifen. Für Improvisations-Profis ist es ein Tabu, Inhalt / Geschichten schon im Vorfeld festzulegen. Auf Grund der Strukturen entstehen die Inhalte live auf der Bühne. Diese Strukturen finden vielleicht einen guten Vergleich in der aristotelischen Dramenstruktur nach Aristoteles würde ein Format bestehen aus Exposition, Komplikation, Peripetie, Retardation, Katastrophe. Die Schauspieler wissen somit egal um welchen Inhalt es sich handelt -, dass sie in der Exposition z.B. ihre Figur in Form von Monologen erforschen und erste Dramensituationen entwickeln, danach in der Komplikation die Situationen verschärfen lassen usw.